Städtische Realschule Korschenbroich
Schülergeschichtswerkstatt zum Thema "`Was ist denn die Heimat?'
– Flucht, Vertreibung und Neubeginn in Korschenbroich"
Rudolf Dittner im Jahr 1943
"Weiter ging der Zug nicht."
Reintraud Grunwald: "Ich konnte das als Kind gar nicht begreifen."
Gertrud Hartmann: "Das Leiden begann erst mit dem Kriegsende"
Wolfgang Stock: "Bei Nacht und Nebel über die Grenze."
Christa Stock: "Wir sind alle auseinander gerissen worden."
Lieselotte Thiel: "Wir waren natürlich nicht gerne gesehen."
Charlotte Tomaschewski: "Als es Tag wurde, konnte man sehen, die Leichen."
 : Projekte : Korschenbroich
Projektbericht

Das Projekt wurde im Rahmen des Wettbewerbs "Archiv und Jugend" durch die Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen gefördert. Vielen Dank dafür! Der Projektbericht wurde von Eva Hermanns, Lehrerin an der Städtischen Realschule Korschenbroich und Leiterin der Schülergeschichtswerkstatt, verfasst:

Seit Herbst 2009 arbeiten wir in unserer Geschichtswerkstatt der Realschule Korschenbroich an den „Lebensgeschichten“. Die Zusammenarbeit kam durch Herrn Dr. Rüther zustande, der dieses Internetarchiv leitet.

Da wir in der Geschichtswerkstatt an lokalgeschichtlichen Themen arbeiten, war die Aussicht, Korschenbroicher ZeitzeugInnen nach ihren Schicksalen zu befragen, eine Herausforderung, die wir gerne annahmen.
In einer unserer ersten Arbeitssitzungen im Sommer 2009 waren auch Herr Dr. Rüther, Frau Martinsdorf-Rüther sowie Frau Messmann, die Leiterin des Korschenbroicher Kulturamtes dabei. Die SchülerInnengruppe (zehn SchülerInnen der Klassen9 und 10) bekamen einen ersten Eindruck vom „Lebensgeschichtlichen Netz“ und wir besprachen Zeitrahmen und Vorgehensweisen.

Unsere Arbeit begann nach den Sommerferien 2009. Der Fahrplan sah vor, dass wir bereits in den Sommerferien mit der Suche nach ZeitzeugInnen beginnen würden. In unseren Vorbesprechungen hatte sich herausgestellt, dass einige SchülerInnen in der Verwandtschaft Menschen kannten, die Ende des Krieges geflohen bzw. aus ihren Heimatgebieten vertrieben worden waren. Da sie jedoch alle erst viel später nach Korschenbroich gezogen waren bzw. gar nicht vor Ort wohnten, kamen sie als ZeitzeugInnen für die Korschenbroicher Flüchtlingsgeschichten leider nicht in Frage. Nun gingen wir auf ZeitzeugInnensuche. Hier tat sich gleich das erste Problem auf, denn es war schwieriger als erwartet, Menschen zu finden, die bereit waren, uns vor der Kamera von ihren -meist schweren und traumatischen- Erinnerungen zu erzählen.

Bei dem monatlichen Treffen der evangelischen Frauenhilfe in der Kirche in Korschenbroich stellten wir unser Vorhaben vor. Dies war für die Jugendlichen ein sehr wichtiger Schritt. Vor den alten Damen erklärten sie, was geplant war und aus welchen Gründen sie sich für die Lebensgeschichten der ehemaligen Flüchtlinge interessierten. Wenn auch die alten Damen sehr beeindruckt waren, dass es junge Leute gab, die sich für ihr Leben und ihre Geschichten interessierten, waren sie nur sehr zögerlich bereit, einem Interview und einer späteren Dokumentation für das Internet zuzustimmen. Besonders dieses, den meisten noch unvertraute und schwer durchschaubare Medium, schreckte viele ZeitzeugInnen ab.  Schließlich waren es fünf Frauen, die sich im Foyer des Gemeindesaals den Jugendlichen für einen ersten Vorabfragebogen zur Verfügung stellten.

An dieser Stelle wurde den SchülerInnen klar, dass sich die persönliche Arbeit mit ZeitzeugInnen sehr deutlich von dem unterscheiden würde, was sie bis dahin gemacht hatten. Nicole formulierte es so: „Es ist ein großer Unterschied, ob ich lese, dass viele Menschen in der eiskalten Ostsee ertrunken sind, oder ob mir eine um Fassung bemühte alte Frau von diesen Ereignissen erzählt, die sie damals selber mit ansehen musste“. Geschichte von Flucht und Vertreibung wurde hier greifbar. Zwei Schüler waren zusätzlich zum Haus Tabita, dem Altersheim in Kleinenbroich, gefahren und hatten dort einen Zeitzeugen gefunden, der bereit war, unser Projekt durch Mitarbeit zu unterstützen.

Nun begannen die Vorbereitungen für die Interviews, die auf den 12. Dezember 2009 terminiert wurden. Von vorneherein hatten wir mit Herrn Dr. Rüther abgemacht, dass er am Tag der Interviews dabei sein würde. Er hatte das ganze technische Equipment und viel Erfahrung in der Methode der ZeitzeugInnenbefragung. Während unserer Treffen im Vorfeld des 12. Dezembers besprachen wir, wie die Interviews durchzuführen seien. Wir bereiteten - zugeschnitten auf die jeweiligen ZeitzeugInnen - Fragen vor, an Hand derer sich die Jugendlichen orientieren wollten.

Hier zeigte sich deutlich der unterschiedliche Blickwinkel von Erwachsenen und Jugendlichen, der die Arbeit oft  so fruchtbar und lebendig macht: Während ich mich darauf beschränkte, Fragen vorzuschlagen, die als „Eckpfeiler“ einer Biographie entscheidend sind, formulierten die SchülerInnen Fragen, die deutlich mehr auf Befindlichkeit, Stimmung und Alltag der Menschen ausgerichtet waren. Alle Jugendlichen hatten Erfahrungen mit Erzählungen älterer Herrschaften aus der Verwandtschaft. Sie wussten, dass es Menschen teilweise schwerfällt, Dinge und Begebenheiten, die so lange zurück liegen, stringent zusammenzufassen. Auch ist es sehr schwer, im Erzählfluss nicht zu „springen“ weil man dazu neigt, immer wieder an verschiedene Stellen anzuknöpfen, um etwas zu ergänzen.

Wir besprachen im dem Zusammenhang, wie man mit dieser Problematik umgehen könnte, was in dem Moment helfen könnte, und dass es deshalb so sinnvoll ist, das gesamte Interview mit Bild und Ton mitzuschneiden. Wir probten Interviewtechniken und Techniken des aktiven Zuhörens. Auch machten wir uns bewusst, dass die Menschen über sehr traurige Zeiten und Erlebnisse in ihrem Leben sprechen würden, was es ihnen vielleicht schwer machen würde, ihre Fassung zu behalten.
Interviews, 12.Dezember 2009
Die SchülerInnen hatten sich in Zweier- und Dreier Gruppen eingeteilt, um ihre jeweiligen ZeitzeugInnen zu befragen. Es gab einen genauen Zeitplan, mit genau berechneten Puffern, da Herr Rüther ja bei jedem Interview dabei war und Kamera und Ton immer auf- und abbauen musste. Wir wurden von den ZeitzeugInnen sehr freundlich empfangen. Anfangs waren ZeitzeugInnen und SchülerInnen nicht nur durch die Technik und die ungewohnte Situation etwas befangen. Herr Rüther konnte aber routiniert die Situation aufgreifen und durch das Gespräch führen. An vielen Stellen der Interviews wurde die Erinnerung wieder lebendig und die ZeitzeugInnen mussten mit ihren Tränen kämpfen. Obwohl wir uns auf diese Situation vorbereiten hatten, waren die Jugendlichen hiermit überfordert. Auch hier war es hilfreich, dass Herr Rüther die ZeitzeugInnen immer wieder behutsam zurück zur Lebensgeschichte führte. Jedes Interview dauerte 40 bis 60 Minuten. Für die Dokumentation im Internet und für die geplante Ausstellung brauchten wir nicht nur die Tondokumente, sondern auch Fotos. Wir bekamen diese ausgeliehen, um sie einzuscannen. Am Ende verabredeten wir, dass wir bei Unklarheiten noch Rücksprache halten würden.

Auswertung des Interviews

Nach den Weihnachtsferien begannen wir mit der Auswertung der Tondokumente. Die SchülerInnen arbeiteten zu zweit an Computern, hörten die gesamten Interviews mehrmals ab, „spulten“ immer wieder zu Stellen, die nicht ganz eindeutig waren und versuchten, dem Ganzen eine Struktur zu geben. Obwohl wir bereits damit gerechnet hatten, war es enorm schwierig, das Erzählte so zu strukturieren, dass die Lebensgeschichte einen zeitlich nachvollziehbaren Fluss bekam. Hier waren viel Stunden und akribisches „Neuhören“, wiederholen, nachschauen, nachschlagen und viel Geduld und Genauigkeit gefragt. Diese Arbeit kostete viel Stunden und viele Nerven.

An diesem Punkt wurde uns klar, dass wir die Textarbeit, also das Verfassen der einzelnen Lebensgeschichten, nicht alleine schaffen würden. Das Strukturieren und das Beschreiben der einzelnen Lebens- und Fluchtphasen, des Ankommens und des Aufbaus eines neuen Zuhauses waren mit so vielen Brüchen verbunden, dass die Jugendlichen hier an ihre Leistungsgrenze stießen. Unsere Gruppe nahm daher dankbar (und vor allem erleichtert) das Angebot von Herrn Rüther und Frau Martinsdorf-Rüther an, die Lebensgeschichten für das Netz zu schreiben.

Wir beschränkten uns nun darauf, fehlende Informationen zu besorgen und vor allem aus den ausführlichen Kapiteln, die Herr und Frau Rüther geschrieben hatten, kürzere Lebensgeschichten für die Einführung und für die Ausstellung zu schreiben. Über diesen Prozess waren mittlerweile die Osterferien vergangen. Da acht SpurensucherInnen in der zehnten Klasse unmittelbar vor den Zentralen Abschlussprüfungen standen, war die Zeit knapp und wir beschlossen, den Hauptteil der schriftlichen Arbeiten auf die Zeit nach den Prüfungen zu legen. So haben wir die zusammengefassten Lebensgeschichten und die Projektberichte vor den Sommerferien fertig gestellt.

Zweite Runde mit teilweise neuer Besatzung

Noch vor den Sommerferien, als die „Zehner“ entlassen waren, fanden sich interessierte „neue“ SpurensucherInnen, die gerne bereit waren, die Arbeit fortzusetzen. Mit neuer Gruppendynamik rollten wir das Thema „Flucht und Vertreibung“ sowie den Neuanfang in Korschenbroich noch einmal auf. Wir überlegten, was Heimat für jedeN einzelneN von uns bedeutete und entwarfen Ideen für die Ausstellung, die im Juni 2011 die Ergebnisse unserer Arbeit und deren Integration in www.LEBENSGESCHICHTEN.net vorstellen sollte.

Als erstes aber war der Kontakt zu den ZeitzeugInnen aufzufrischen. Zum einen, da die neuen Mitglieder sich vorstellen wollten, zum anderen, um noch offene Fragen zu klären. Die Jugendlichen gingen mit großem Eifer an die Sache heran. Das erkläre ich mir teilweise daraus, dass sie die sehr anspruchsvolle, zeitintensive und anstrengende Textproduktion selber kaum leisten mussten, da diese ja zermürbend langsam von den „VorgängerInnen“ geleistet worden war. So konnte die jetzige Crew mehr Gespräche mit den ZeitzeugInnen in Ruhe führen und sich dem Thema ohne den immens lastenden Zeitdruck, unter dem die “alte Gruppe“ zeitweise doch gelitten hatte, kreativ nähern. In einigen Fällen entwickelte sich in sehr nettes Verhältnis zwischen Zeitzeugin und Spurensucherin. Lena beispielsweise ist mehrmals bei Frau Albrecht gewesen, hat „mit ihr gequatscht und Plätzchen gegessen“ (Lena).

Auch mit der neuen Gruppe zeigte sich, dass systematisches Auswerten und vor allem Verwalten von Informationen ein großes Problem darstellte. Die SchülerInnen waren immer wieder bei den ZeitzeugInnen gewesen, um Fotos zuordnen und datieren zu lassen. Nicht selten waren genau diese Informationen in der nächsten Arbeitssitzung „verschwunden“, vergessen oder irgendwie durcheinander geraten. So war der Weg zur endgültigen Kurzfassung der Lebensgeschichten streckenweise wieder recht mühsam. Für die Ausstellung entwickelten die Jugendlichen viele Ideen, die man zum Thema ergänzend zeigen und bearbeiten könnte. So entstanden neben den Postern mit den Geschichten der ZeitzeugInnen ein „Zitateposter“ mit Anmerkungen von KorschenbroicherInnen und bekannten Personen zum Thema „Heimat“, ein Infoposter mit Beschreibungen über die ehemaligen Ostgebiete, eine Landkarte mit den Gebieten, aus denen die ZeitzeugInnen ehemals stammten, eine allgemeine Einführung in das Thema und eine Mindmap mit den wichtigsten Daten und Fakten zum Thema „Flüchtlinge und Vertriebene in Korschenbroich“.

Auch hier lernte ich, dass mein Blickwinkel als Geschichtslehrerin und Erwachsene nicht immer der meiner SchülerInnen war. Ich musste lernen, mich zurückzunehmen und die Jugendlichen freier das schreiben und gestalten zu lassen, was ihnen wichtig war, ich aber so nicht verwendet, angeordnet oder geschrieben hätte. Hier entwickelten sich fruchtbare Diskussionen, in denen die Jugendlichen argumentierten und erörterten, was und warum es ihnen wichtig ist. Hieraus resultierte ein bis heute sehr wertvoller Lernprozess für mich, neige ich als Lehrerin und Leiterin doch oft dazu, vieles an mich zu nehmen, zu bestimmen und zu verbessern.

Fazit

Die Mitarbeit an „Lebensgeschichten.net“ war für uns eine große Herausforderung. Anders, als bei einem vorhergehenden Projekt, kamen die SchülerInnen mit echten Zeitzeugen in Kontakt, die Geschichte und Geschichten erlebt hatten. Durch die verschiedenen Arbeitstechniken hatten die SchülerInnen ein breites Spektrum verschiedener Methoden kennengelernt. Sie gingen mit Menschen um, sie verarbeiteten und sortierten Daten. Sie verfassten eigene Texte, fassten fremde Texte zusammen, recherchierten fehlende Informationen, besorgten sich andere Informationen, um die Geschehnisse in den geschichtlichen Kontext einordnen zu können. Die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen war trotz teilweise zäher Arbeitsabläufe und einem Stapel nie schrumpfender „to -do Listen“ gut und ertragreich. Letzteres vor allem in der Hinsicht, dass die SchülerInnen Kompetenzen erarbeiteten und vertieften, die sie so nicht immer im Unterricht lernen bzw. anwenden können. Sie waren die ganze Zeit über pünktlich und motiviert bei der Sache, sie kamen manche Samstagvormittage zur Schule, sie blieben oft bis in den späteren Nachmittag im Computerraum. Und das trotz der oft langwierigen Textarbeit, die für unsere SchülerInnen eben nicht flott von der Hand geht.

Mit der Erfahrung, die ich bei der Betreuung der Lebensgeschichten gemacht habe, würde ich heute sagen, dass wir entweder weniger ZeitzeugInnen hätten bearbeiten sollen, oder dass ich durchgängig jemanden gebraucht hätte, der mit den Jugendlichen an den Texten arbeitet. In einer kurzen Phase vor den Sommerferien wurde ich von der damaligen Lehramtsanwärterin Frau K. Bogedain unterstützt. Leider fand mit dem Abschluss der Ausbildung auch diese Unterstützung ihr Ende. Empfehlenswert ist eine Begrenzung der Zahl von ZeitzeugInnen oder die Erhöhung der Betreuungskapazitäten in jeden Fall, da die Textarbeit, das genaue Arbeiten mit Textdokumenten, das Organisieren von Besuchen bei den ZeitzeugInnen und das Organisieren untereinander doch wesentlich komplizierter war, als ich es gedacht hätte.

Außerdem würde ich die Altersgrenze für die Mitarbeit an diesem Projekt auf die Klasse 8 und 9 herabsetzen. Die Erfahrung mit der ersten Gruppe hat mir gezeigt, dass die Jugendlichen ab Februar gedanklich schon auf dem Absprung in eine neue Schul- oder Arbeitssituation sind. Da ist die Motivation an den ZeitzeugInnenberichten zu feilen nachvollziehbarerweise nicht die allerhöchste. Zudem muss ich anmerken, dass wir die Arbeit ohne die Unterstützung von Herrn Dr. Rüther nicht hätten bewältigen können. Abgesehen davon, dass er und seine Frau den Teil der Lebensgeschichten übernahmen, hat er den kompletten „Computerpart“ erledigt: beginnend vom Komprimieren der Interviews auf PC lesbare CDs, über das Scannen der Fotos bis zum Einstellen ins Netz. Das selber zu machen, hätte den zeitlichen Rahmen einer freiwilligen AG komplett gesprengt und auch das technische Know How war weder bei mir noch bei meinen SchülerInnen vorhanden.

Die Mitarbeit an diesem Projekt hat mir wieder bestätigt, dass Geschichte und Geschichten nicht langweilig sein müssen, dass es möglich ist, Jugendliche für Geschichte zu begeistern. Der Grundsatz vieler Geschichtswerkstätten „Grabe, wo du stehst“(Schulz Hageleit), also Geschichte zu entdecken, die bei uns, vor uns und mit uns stattfand, sollte ein zentraler Aspekt in der geschichtlichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sein.

Eva Hermanns